Im Zentrum … Der Quote zuliebe

ORF-Frank … der Quote zuliebe
Diese heutige Ausgabe von Im Zentrum war zumindest auf einer Linie ein voller Erfolg. Denn selten zuvor wurde offensichtlicher was mit dieser Sendung und ihrer wöchentlichen Prämisse alles falsch läuft.

Da bequemt sich Frank Stronach mal wieder in Österreich vorbeizuschauen, und um auch gleich alle wissen zu lassen dass er wieder da ist verbreitet er oder seine Parteileute irgend eine kontroverse Aussage, diesmal halt seine altbekannte Aversion gegen Gewerkschaften. Im Zentrum reagiert wie gewohnt. Egal wie neu oder sinnvoll Stronachs angebliche „angestoßene Diskussion“ auch immer sein mag, Stronach bekommt sofort eine eigene Sendung. Hier darf er sich elends lang erklären (selbst wenn er nichts zu sagen hat) und der Form halber werden noch ein paar andere Gäste eingeladen, aber der Ablauf der Sendung hängt wesentlich an Stronach. Soweit so bekannt, dieses Muster konnten wir nun schon bei mehreren grandios gescheiterterten Im Zentrum Sendungen verfolgen.

Ingrid Turnher twitterte kurz vor Beginn der Sendung: „ich glaube, heute geht’s rund bei #ImZentrum: Stronach und Foglar über Gewerkschaft. 2 Werkzeugmacher prallen aufeinander…“ und genau hier lässt sich der Fehler im Denken der Im Zentrum Redaktion auch schon ausmachen. Es geht nur um Quote. Stronach bringt Quote, auch wenn er nochamal und nochamal immer dasselbe sagt. Konfrontation, so die Meinung der ORF Redaktion, bringt Quote. Stronach und Streit bringt doppelt Quote. Ohne jegliche politische Aktualität wird nun also darüber diskutiert ob es überhaupt Gewerkschaften braucht. Die Frage ist schnell erledigt, ja es braucht sie, heute genauso wie früher, und nein, mein Mitleid mit Stronach und der Investorengruppe die mit dayli das sonntägliche Duschgelkaufen etablieren wollte hält sich durchaus in Grenzen. Die eigentlichen relevanten Fragestellungen, wie z.B. die Gewerkschaft darauf reagiert dass immer mehr Menschen prekarisiert und als Scheinselbstständige arbeiten müssen, können in einer rein auf Konfrontation ausgelegten und dementsprechend völlig überhitzten Disskussionsrunde gar nicht besprochen werden, obwohl gerade im Hinblick auf die freien MitarbeiterInnen im ORF, diese Frage auf diesem Sender diskutiert werden sollte.

Es kommt wie es kommen muss, die Gäste schreien wild durcheinander, allen voran Stronach, der – oh große Überraschung – seit dem letzten Mal Im Zentrum Stronach Spezial immer noch nicht verstanden hat was eine Diskussionssendung von einer gekauften Monologsendung unterscheidet, wie soll er es auch lernen, wenn ihm der ORF gratis diese Bühne bietet. Als ob es nun jetzt noch nicht genug wäre, dass Stronach das Thema setzen durfte, und dann auch noch das erste Wort, das Schlusswort und eigentlich auch so ziemlich jedes andere Wort bekommt oder sich auf gewohnt herablassende Art und Weise einfach nimmt, wurde diese ganze durcheinanderschreiende Stronachfarce auch noch von einem Publikum lachend, klatschend und gröllend unterstützt. Dies wirft einige Fragen auf. Offiziell werden die Publikumskarten bereits vor Bekanntgabe des Themas vergeben, auch klar ist aber dass nicht jede Woche so viele ZuschauerInnen am Sonntag Abend den beschwerlichen Weg zum ORF-Zentrum wagen. Der Andrang auf die Publikumskarten wird sich also durchaus in Grenzen halten, wie die Plätze dann gefüllt werden kann sich wohl jeder denken. Was war das nun heute mit diesem Publikum, dass praktisch ausschließlich nur für Stronach geklatscht hat und Foglar und co lauthals ausgelacht hat. Ich will weder Stronach vorwerfen das Publikum gekauft zu haben, noch weniger möchte ich dem ORF etwas unterstellen. Klar ist jedoch, dass ein derart tendenzielles Publikum, das derart hysterisch jeden Satz von Stronach frenetisch bejubeln musste Fragen aufwirft und Vermutungen schürt.

Daher verlange ich vom ORF eine ausführliche Stellungnahme zu dieser Sendung und diesem Publikum.

Dabei genügt es für mich in keinster Weise wenn darauf hingewiesen wird, dass die Karten jedem und jeder zugänglich sind, früh vergeben werden oder verlost werden. Es genügt mir auch nicht darauf hinzuweisen dass Stronach bei manchen Leuten gut ankommt und sie daher gerade bei ihm gerne klatschen. Denn dieses Publikum hat bei weitem zu homogen und zu auffällig agiert. Daher fände ich eine Stellungnahme und eine ernsthafte Untersuchung für unbedingt notwendig.

Fakt ist aber auch, dass diese Sendung auch ohne ein eigenartig auffallendes Publikum gescheitert wäre. Denn die Prämisse der Sendung ist schlicht und einfach eine hohe Quote, und dies muss für jede Informationssendung im öffentlich rechtlichen Rundfunk fatal enden. Denn an erster Stelle sollte die Qualität stehen. Da ich selbst Teil eines Redaktionsteams einer Diskussionssendung (Supertaalk) bin weiß ich dass nicht jede Sendung immer auf gleichem Niveau verlaufen kann. Diese Sendung war jedoch zum Scheitern verurteilt. Der verzweifelte Kampf um die Quote führt dazu, dass nicht mehr politische Aktualität ja nicht einmal gesellschaftliche Relevanz die Themen bestimmen, sondern Marketingberater von Frank Stronach. Jede noch so jenseitige Aussage von Stronach bekommt gleich eine eigene Im Zentrum Ausgabe, anstatt das ernsthafte und relevante Themen besprochen werden. Und dann muss noch jedes Podium immer so besetzt werden, dass es möglichst kontrovers wird, um möglichst jede inhaltliche Diskussion zu verhindern und möglichst viel Quote zu erzeugen. Da darf ein Herr Jeannée über Altherrenwitze reden, vorgestrige Deutschnationale über Asyl und eben auch ein milliardenschwerer Großunternehmer der eine neoliberale Partei gründet über die Gewerkschaft. Wegen der Quote warads gwesen. Dieses Phänomen geht jedoch leider über Im Zentrum hinaus. Wurde die an zahlreichen Stellen völlig zurecht kritisierte Propagandadoku „Am Anfang war das Licht“ im Hauptabend mit anschließender Diskussion gezeigt, also mit dem besten Sendeplatz und viel Werbung „gewürdigt“, muss sich die Doku über den haarsträubenden Tierschützer Prozess nach im Zentrum mit einem Nachtprogrammplatz und keiner Diskussion sowie kaum Werbung zufrieden geben, wurde also wie so viele vernünftige Programmpunkte im ORF an die Peripherie verdrängt.

Warum also zählt für diesen öffentlich rechtlichen Rundfunk nur noch die Quote, warum müssen Informationssendungen zu armseligen Schreiduellen und einer programmierten „One Man Show“ verkommen? Warum werden Diskussionssendungen die sich einem ernsthafteren Diskurs – zumindest im ursprünglichen Selbstanspruch – verschrieben haben, Sendungen wie der Club 2 also, so lange in die Nacht zurückverschoben werden, bis sie wegen zu geringer Quoten eingestellt und durch einen Societytalk mit Barbara Stöckel ersetzt werden können? Warum glaubt man im ORF dass sich öffentlicher Rundfunk dadurch auszeichnet, auch noch jede noch so obskure Meinung – man denke an die Lichtesser – überproportional in der Diskussion repräsentieren zu müssen? Warum wird bei jeder möglichen Sendung jede mögliche Eigenartigkeit in der Sendung repräsentiert, es aber nicht zu Stande gebracht auch nur annähernd ausgeglichen Frauen zu Wort kommen zu lassen? Warum werden MigrantInnen so gut wie nie eingeladen?

Im Zentrum darf keine Bühne für Stronach sein. Im Zentrum muss nicht jeder OTS Aussendung des Team Stronach eine eigene Sendung widmen. Stattdessen hätte heute über wirklich relevante Themen, die sonst unterrepräsentiert sind, wie z.B. über die Aufstände in der Türkei diskutiert werden können.
Im Zentrum soll nicht der Quote zuliebe einladen, sondern inhaltlich gehaltvollen Diskurs fördern. Ich bitte daher den ORF aus diesem epicfail der heutigen Sendung zu lernen. Hören Sie auf ständig nur so einzuladen dass jede vernünftige Diskussion in hysterischen Schreiduellen untergeht und BITTE erklären Sie, wie es dazu kommen konnte ein derart homogen, ja annähernd dirigiertes Publikum in einer der wichtigsten Diskussionssendungen des Landes sitzen zu haben. Es wäre an der Zeit mit diesen Fragen offen und transparent umzugehen und sich nicht einfach zu freuen, dass eine derart katastrophale Sendung wie heute eine gute Quote brachte.

Update:
Der ORF weißt in diesem Standard Artikel darauf hin, dass keine Möglichkeit bestand, das Publikum durch einen Stronach Fanclub zu ersetzen. Wie jedoch im Großteil meines Blogposts dargestellt, ist das Publikum nur ein kleiner Teil des Problems dieser Sendung gewesen. Die Kritik, dass der ORF Quote über Qualität setzt muss daher mehr denn je wiederholt werden.

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Eine Antwort zu Im Zentrum … Der Quote zuliebe

  1. tja schreibt:

    vergebene Liebesmueh, leider

    fast wuerde „Saftladen und Zusperren“ auf den Lippen liegen

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