So verspielt man Glaubwürdigkeit. Nicht ganz emotionslose Bemerkungen zu einem Lingens Kommentar

In seinem im Profil publizierten Kommentar „So verspielt man Zukunft“ vom 3.11.2012 kritisiert Peter Michael Lingens die mangelnde finanzielle Unterstützung der Montanuniversität Leoben. Als „steuerzahlender Bürger“ ist diese chronische Unterfinanzierung der Montanuni für Lingens inakzeptabel, es ist ein Skandal. So weit so gut. Lingens scheint jedoch nicht gewillt zu sein diese Unterfinanzierung in einem breiteren Kontext zu sehen, nämlich der jahrzehntelangen chronischen Unterfinanzierung der Universitäten sowie dem mangelnden politischen Willen an dieser fatalen Situation etwas zu ändern. Vielmehr konzentriert er sich in diesem Kommentar darauf, verschiedene Studienrichtungen gegeneinander auszuspielen und bedient sich dabei auch noch sexistischer Klischees.

In seiner Argumentation, warum die Montanuniversität so unendlich wichtig für die österreichische Wirtschaft ist steigert sich Lingens zusehends in eine schwarz-weiß-Malerei der Studienlandschaft. Einzig und alleine die technischen Studien fördern Wirtschaft und stärken die Innovationskraft Österreichs, einzig und allein die technischen Studien können „unser aller Wohlstand erhalten“. Kritische Studien, Studien also die tendenziell den Geistes- und Sozialwissenschaften angehören, sind für Lingens – so lässt es der Kommentar vermuten – unbedeutend, schließlich zielen diese nicht primär auf die Erhaltung des Wohlstandes ab. So lässt sich Lingens zu der erschreckend lächerlich und gleichzeitig kurzsichtigen Schlussfolgerung verleiten:

Ich glaube, dass der studierte Altphilologe [Töchterle] hier leider eine schmerzliche Priorität setzen muss: Österreich erleidet kaum wirtschaftlichen Schaden, wenn es nur noch die Hälfte der aktuellen Publizisten, Juristen, Politologen oder Soziologen heranbildet – aber es wird mindestens doppelt so viele Absolventen technischer Universitäten und Fachschulen brauchen, wenn unser aller Wohlstand erhalten bleiben soll.

Als ob diese Aussage, dieses polemisch-billige gegenseitige Ausspielen verschiedener Studien, dieses Abreden der Bedeutung nicht-technischer Studien nicht schon an Lächerlichkeit genug wäre, vermutet Lingens hinter der mangelnden Finanzierung der Montanuni (abermals ignorierend, dass alle Unis unterfinanziert sind, nicht nur technische) eine grundlegende Technikfeindlichkeit der österreichischen Gesellschaft. Über diese These kann man geteilter Meinung sein, die sexistische Wendung die sein Kommentar in diesem Zusammenhang jedoch nimmt ist widerlich untergriffig und völlig falsch.

Kurz gesagt Lingens scheint den Frauen die Schuld an der Technikfeindlichkeit in Österreich zu geben. Frauen scheinen in seinem veralteten Weltbild grundsätzlich der Technik fernzustehen. Ganz alte sexistische Dualismen bemühend verortet Lingens Technik als männliche Domäne, wohingegen den Frauen der Raum der Familie, der Erziehung und der Sinnlichkeit (Kunst) zugeschrieben wird. Denn, so Lingens haarsträubende Überlegungen, müsste es doch jedem Mann grundsätzlich einleuchten, dass technische Universitäten mehr Förderungen erhalten sollten, bei den Frauen liege jedoch ein grundsätzliches Unverständnis für Technik vor. Frauen müsse man(n)  nämlich erst „erklären“ warum technische Studien wichtig sein. Lingens macht es vor, denn seine Frau – der Technik anscheinend völlig fremd, schließlich betont er dass sie Pianistin und Juristin ist, also, so seine sexistische Schlussfolgerung, „mit Technik nichts am Hut hat“ – hat sein männliches Plädoyer für Technik sofort akzeptiert. Lingens – der Mann der sein ganzes Leben im Journalismus gearbeitet hat, aber trotzdem was „mit Technik am Hut zu haben scheint“ –  hat ihr also erklärt warum Technik wichtig ist – in seinen Augen kann sie das alleine anscheinend nicht einsehen …

Bei meiner Frau, einer Juristin und Pianistin, die mit Technik wenig am Hut hat, hat es keine Minute gebraucht, um sie zu überzeugen, dass Hochschulen wie Leoben entscheidend für Österreichs wirtschaftliche Zukunft sind. Bei der Regierung scheint diese Erkenntnis bis heute nicht angekommen.

Bei anderen Frauen hat diese seine Überzeugungskraft anscheinend nicht so schnell gewirkt. So beschwert er sich über ihm bekannte Lehrerinnen, die nicht und nicht seine voller blindem Optimismus strotzenden Ergüsse über den technischen Fortschritt – die einzige Lösung „die Umwelt grün [zu] erhalten“ – akzeptieren möchten. Überhaupt scheint Lingens dem weiblichen Lehrpersonal eine grundlegende Inkompetenz in technischen Fragen zu unterstellen. Oder wie ist es sonst zu verstehen, dass Lingens im ganzen Kommentar nur einmal gendergerechte Sprache verwendet, und dies zufällig genau an der Stelle an der er von technikfeindlichen „LehrerInnen“ schreibt. Diese fadenscheinige Verwendung der gendergerechten Sprache soll in diesem Fall lediglich indirekt darauf hinweisen, dass es vor allem Lehrerinnen sind, die den SchülerInnen (in Lingens Welt wohl wahrscheinlich vor allem den Schülern) jegliche technische Neugier austreiben.

Das Defizit entsteht in der Schule, wo die Kompetenz in den naturwissenschaftlichen Fächern zunehmend der Lesefähigkeit entspricht. Das hängt nicht zuletzt mit den vielen LehrerInnen zusammen, die der Technik etwa so nahestehen wie ich der Esoterik. Von drei Lehrerinnen in meiner Verwandtschaft sind gleich zwei von intensiver Technikfeindlichkeit: Ich versuche seit Jahren vergeblich, ihnen näherzubringen, dass überhaupt nur überlegene Technik die Umwelt grün erhalten oder alternative Energien befördern kann.

Dieser völlig entbehrliche Kommentar bewegt sich zwischen blinder Technikgläubigkeit, Maskulinismus und irrationalem Hass auf Geistes- und SozialwissenschaftlerInnen. So bleibt lediglich die Überzeugung über, dass – um frei nach Lingens zu schreiben –  kritischer Printjournalismus keinen Schaden nimmt wenn nur die Hälfte dieser machistischen Kommentare publiziert wird. Ein solch sexistischer Kommentar erscheint mir nicht einmal dem stetig heruntergewirtschafteten Profil gerecht zu werden.

Link zum Kommentar: http://www.profil.at/articles/1244/575/345651/peter-michael-lingens-so-zukunft

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