Postdemokratie – eine kurze Einleitung?

Dieser Blogpost wurde aktualisiert und überarbeitet auf meinem neuen Blog dieBresche.org veröffentlicht und in eine größere Serie über „Vom Sinn und Unisnn des Wahlspektakels im Zeitalter der Postdemokratie integriert.

Heute, dem 15. Oktober, wird im Zuge der #occupywallstreet Bewegung sowie der Bewegungen für „Echte Demokratie“ ein weltweiter Aktionstag stattfinden, wo gegen die Vorherrschaft der Banken, des Finanzkapitalismus, sowie für eine echtere Demokratie demonstriert werden soll. Eine Bewegung also für eine demokratischere Demokratie. Weltweit ist ein unglaubliches Unbehagen zu sehen, dass sich in Streiks, Besetzungen und Massendemos ausdrückt. Während sich Teile der arabischen Welt seit dem so genanntenFrühling durch faszinierende Massenproteste die Möglichkeit einer demokratischen Revolution erkämpft haben, scheinen die westlichen Systeme, die eigentlich schon so etwas wie Demokratien sind, immer mehr von einem demokratischen Verfall geprägt zu sein. Der Einfluss der Wirtschaftslobbys stieg massiv an, der Neoliberalismus wurde von der wirtschaftlichen Wahnidee zu einer politischen Doktrin, einem Paradigma innerhalb der ewig gleichen politischen Eliten, und ebendiese Eliten scheinen zwischen Stagnation (im evtl. besseren Fall) und Korruption unentschieden zu sein. Nicht nur in Österreich wird versucht durch Initiativen (Demokratiebegehren, etc.) und durch Kampagnen für direkte Demokratie, die Demokratie vor diesem Verfall zu bewahren. Die Teile der Bevölkerung die nicht in passive Stagnation oder in die „schweigende Mehrheit“ wie Baudrillard dies nennen würde, verfallen, also zu NichtwählerInnen werden, wählen in immer größerem Ausmaß PopulistInnen oder Spaßparteien, etwas was oft und doch nicht automatisch zusammenfällt, schließlich verbreiten die weit rechts angesiedelten PopulistInnen kaum Spaß.

Zwischen Talkshows und Universitätsrunden werden diese Phänomene allzu gern und durchaus berechtigt mit einem Begriff bezeichnet, der in den letzten Jahren zu einem Allgemeinplatz geworden ist. Kaum eine Diskussion über aktuelle Politik ohne den Begriff der Postdemokratie in den Raum zu werfen, und dann nicken alle zustimmend, schließlich bezeichnet der Begriff doch alles was man sagen will, alles was man kritisiert. Soviel dieser Begriff gemeinhin verwendet wird, so wenig scheinen viele Leute über diesen Begriff und die Konzepte rund um diesen Begriff zu wissen, daher soll nun im Folgenden ein wenig auf diesen Begriff eingegangen werden. Auch im akademischen Diskurs bezeichnet Postdemokratie nämlich kein einheitliches Konzept, vielmehr verbergen sich hinter diesem Begriff zwei verschiedene Theorien, die ähnliche Ansätze haben, ähnliche Phänomene beschreiben und doch äußerst unterschiedlich zu sein scheinen. Im Folgenden werde ich zwei Kapitel anfügen, die sich mit dem Begriff der Postdemokratie bei Colin Crouch und bei Jacques Rancière auseinandersetzen.

Wird das Wort Postdemokratie eingeworfen, so berufen sich die Einwerfenden zumeist auf Colin Crouch, ein Politikwissenschaftler, dessen gleichnamiges Buch sich großer Beliebtheit erfreut. Doch Postdemokratie wird Crouch fälschlicherweise zugeschrieben, denn dieser Begriff tauchte bei Rancière schon gute 10 Jahre vor der Erstveröffentlichung von Crouchs Buch (2003 auf italenisch) auf. Auch wenn Crouch selbst der Meinung ist, diesen Begriff erfunden zu haben (Crouch, S. 10) – und ich hier Crouch keinesfalls unterstellen möchte den Begriff geklaut zu haben, sondern einfach ebenfalls kreiert zu haben (so schwierig ist diese Begriffsschöpfung ja nicht) – halte ich es doch für zentral, klar zu stellen, dass Rancière diesen Begriff bereits viel früher verwendete (man könnte ja auch recherchieren bevor man ein Buch veröffentlicht, um eben nicht missverständlicherweise gleiche Begriffe anders zu verwenden). Crouch zitiert Rancière jedenfalls genausowenig wie andere PhilosophInnen von denen seine Theorie zumindest indirekt beeinflusst wurde.

Ranciére verwendete den Begriff bereits bei einer Vortragsreihe die er gemeinsam mit Alain Badiou in Ljubljana in den Jahren 1992 – 93 hielt, und die 1996 erstmals auf Deutsch veröffentlicht wurde (Ranciére 2010). Er entwickelte sein Konzept der Postdemokratie jedoch noch weiter in seinem sehr bekannten Buch „Das Unvernehmen“ welches 1995 auf Französisch erschien (Rancière 2002). Rancière beschrieb das Phänomen der Postdemokratie also schon viele Jahre vor Crouch, wenn auch auf Grund der komplexeren Theorie und nicht unbedingt zugänglichen Philosophie Rancières diese Theorien nur in Fachkreisen diskutiert wurden. Es soll im zweiten Kapitel allerdings versucht werden kurz und möglichst zugänglich Rancière Vorstellungen von Politik, Polizei und Postdemokratie darzustellen.

Während immer mehr selbsternannte „Empörte“ und „Wut-sowie MutbürgerInnen“ durch die Straßen ziehen, den Verfall der Demokratie zu einer Postdemokratie beklagen, scheinen doch sehr konfuse Vorstellungen davon zu herrschen was überhaupt der Grundgedanke eines demokratischen Systems ist, was Demokratie ausmacht, und was daher Verfallen ist. Die mangelnde Auseinandersetzung mit Demokratietheorie und das momentane Theorievakuum in der linken Szene führen zu den verschiedensten Reaktionen. Die einen lehnen Demokratie ab, ohne sich näher damit auseinandergesetzt zu haben und halten fälschlicherweise eine liberale Demokratie der westlichen Welt für diesselbe Demokratie von der auch DemokratietheoretikerInnen sprechen, die anderen verlangen zwar „echte Demokratie“ ohne jedoch konkretere Vorstellungen zu haben. In diesem Sinne sollen die beiden Kapitel zumindest dahingehend helfen, den Begriff der Postdemokratie etwas klarer werden zu lassen.

Außerdem dient dieses Blogprojekt dazu, diesen Begriff auch für das #sbsmCamp das kommende Woche in Wien stattfinden wird (19. – 20. Oktober) abzuklären, denn auch dort wird teilweise über diesen Begriff diskutiert werden. Hier nähere Infos zu dieser empfehlenswerten Veranstaltung.

Bevor wir nun alle auf die Straßen gehen sei noch auf diese äußerst gelungene Rede Zizeks verwiesen, die er vor wenigen Tagen bei #occupywallstreet gehalten hat, und die in vielen Punkten sehr wichtig und richtig ist. In diesem Sinne – seien wir die rote Tinte von der Zizek spricht!

Kapitel 1: Postdemokratie bei Colin Crouch

Kapitel 2: Politik, Polizei, Postdemokratie – Jacques Rancière

Literatur:

Colin Crouch: Postdemokratie. 2008

Jacques Rancière: Das Unvernehmen. 2002

Rancière / Badiou: Politik der Wahrheit. 2010

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7 Antworten zu Postdemokratie – eine kurze Einleitung?

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