Liessmann und die Leberkäsephilosophie

Kaum eine Talkrunde, eine Podiumsdiskussion oder eine Feuilletonspalte, die Konrad Paul Liessmann noch nicht beehrt hat, er der Philosophie auf massenverträgliche Art wieder populärer gemacht hat, auch wenn das meiste so Publizierte dadurch eher von Oberflächlichkeit bis Belanglosigkeit denn von philosophischen Mehrwert geprägt ist. Es ist nicht leicht philosophische Problematiken, die für die meisten Leute – und dass nicht immer ungerechter Weise – einen trockenen und verstaubten Anschein haben, lebendig und gut verständlich darzustellen. Auch scheint mir jeder Ort welcher der Philosophie – und sei es auch nur diesem belanglosen oberflächlichen Feuilletonessayismus – gegeben wird, als wichtig, um die Philosophie im öffentlichen Diskurs einzubringen. Auch wenn die Hauptaufgabe der Philosophie nicht darin besteht, auf ihr zugewiesene Randspalten in Kleinformaten zu warten, sondern sich selbst Raum zu nehmen, macht es Sinn so präsent wie möglich zu sein. Allerdings kann diese Präsenz, dieser Drang Zeitungsseiten oder sonstige bedruckbare Papiere mit philosophischen Anekdoten zu füllen, dieses Bedürfnis immer und überall philosophisch angehauchte Essays zu publizieren, zu weit gehen, sie kann unangenehm penetrant werden, oder wie in dem hier zu behandelnden Fall auch unpassend und zu tiefst problematisch sein.

Da liegt in der Ostersonntagskrone eine Werbebeilage eines Leberkäseherstellers (oder ist es ein Schinken), dessen Produkt aber eben nicht Leberkäse benannt werden darf  – warum auch immer. Es ist ein aufwendig gestaltetes, zum Gestus der Produktbewerbung dieses Lebensmittels passendes, ein von der Firmengeschichte bis über reich bebilderte Rezepte gefülltes im Nespresso meets Ama Gütesiegel Stil gehaltenes ‚edles‘ Werbeheftchen. Anscheinend die Kurzfassung eines 106 seiten starken Leberkäsemagazins zum Thema „Original“. Und gleich den Beginn dieses Heftchens macht ein zweiseitiger Essay von Liessmann zu dem Thema „Am Anfang war die Kopie. über das Original und seine Aura“. Nun liest sich dieser Essay nicht unbedingt schlecht, auch der Großteil der Aussagen darin ist wenn auch nicht originell so zumindest argumentiert dargebracht, der eine oder andere Gedanke ladet sogar zum Schmunzeln ein. Was ist nun also mein Problem mit diesem Text.

Das Problem liegt nicht direkt am Text selbst, sondern an den Veröffentlichungsumständen. Hier wird eine teure Werbekampagne gefahren, die vor allem die Originalität und Unkopierbarkeit dieses Produktes betonen soll, nicht umsonst heist das ganze Werbeheftchen „Oft kopiert, nie erreicht“. Passend zu diesem Schwerpunkt der Werbekampagne wird nun DER österreichische ‚Starphilosoph‘ gebeten/bezahlt einen Essay zum Verhältnis von Original und Kopie zu schreiben. Genau hier scheint mir nun das Problem zu liegen, denn dieser Text, so logisch viele der darin vorgetragenen Gedanken auch anmuten, ist damit Teil dieser Werbekampagne. Die Leberkäsefirma wollte hier keine ernsthafte Auseinandersetzung mit der Frage des Verhältnisses zwischen Original und Kopie bestellen und abdrucken, sondern einen im philosopschien Gestus vorgetragenen Beweis, dass das Original – also der Schinken-Leberkäse – nicht kopierbar ist, von einer einzigartigen Aura umgeben ist, die eben kein anderes Produkt am Markt erreichen kann. Liessmann konnte also, selbst wenn er zu den Thesen in diesem Text vollkommen steht keine freie Arbeit abliefern, keine philosophische Auseinandersetzung, die bestimmte Urteile tatsächlich in Frage stellen würde schreiben – auch wenn Liessmann durchaus angestrengt wenn nicht sogar krampfhaft versucht pseudo-subversive Statements einzuführen um eben doch der Aufgabenstellung auszuweichen, was jedoch völlig misslingt -, er konnte nicht mal einen Feuielltonessay verfassen, sondern eben nur einen Feuilleton ohne Feuilleton Werbetext. Er schrieb daher also einen philosophischen Beweis der Grandiosität des originalen Leberkäses. Auch wenn der Text als üblicher Feuilleton durchaus nicht weiter fragwürdig wäre, ist er notwendigerweise in diesem Kontext seiner Veröffentlichung ein Marketingbeitrag getarnt als Philosophie. Dies scheint mir eines Wissenschaftlers unwürdig, und der Philosophie sowieso.

Da schreibt Liessmann in diesem Text, dass das Original erst durch den Versuch es zu kopieren überhaupt zum Original wird – womit man natürlich überhaupt nicht an die Werbesprüche der Firma denken muss -,da schreibt er, dass Billigimitationen nur den Marktwert des Originals steigern, und dass das Original von einer geheimnisvollen Aura umgeben ist, die es als „ursprünglich“, „echt“, „einzigartig“ und „erstmalig“ auszeichnen. Worte also die bewusst zur Beschreibung des Leberkäses im gesamten Heft ebenfalls verwendet werden. Abgesehen davon, dass Liessmann Walter Benjamins Begriff der Aura völlig verkürzt darstellt, und gerade wenn es um die Reproduzierbarkeit geht auch völlig aus dem politischen Kontext bei Benjamin loslöst (hier gilt der Verweis auf das Original nämlich Benjamins Kunstwerkaufsatz), ist die gesamte Argumentation des Textes in diesem Erscheinungszusammenhang eine perfide philosophisch angehauchte Werbekampagne.

Philosophie sollte nicht als Intellektualisierung eines Werbeheftchens herangezogen werden, Philosophie darf nicht als wissenschaftliche Untermauerung der Einzigartigkeit eines Fleischproduktes verwendet werden und das sollte eigentlich auch Herr Liessmann wissen. Frei nach Benjamin kommt es eben leider nicht zu einer Philosophisierung des Marketings sondern zur Marketingisierung der Philosophie. Philosophie darf eben nicht zur Leberkäsephilosophie verkommen.

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