Das beleidigte Komitee

Da hat es sich nun also zu Wort gemeldet, das Unsichtbare Komitee, spricht zu uns über einen kurzen indymedia Eintrag und will damit in der deutschen Debatte über den Kommenden Aufstand intervenieren. Müssen wir uns nun geehrt fühlen dass das Unsichtbare Komitee aus dem Schatten heraus zu uns spricht, uns wieder einige unverständliche Brotkrümelchen hinwirft? Nein. Dieser Debattenbeitrag des Komitees erinnert mehr an einen beleidigten Rülpser als an eine ernstzunehmende Auseinandersetzung mit der Kritik am eigenen Werk.

2007 erschien der Kommende Aufstand zum ersten Mal, damals auf französisch, bald darauf gab es auch schon eine erste englische Version und nun ist auch eine deutsche Version erschienen, sogar in gedruckter Form, die nun kiloweise in den Buchläden herum liegt und dem Nautilus Verlag wohl eine bessere Weihnachtsverkaufsbilanz bescheren wird als üblicherweise, dies ist aber nur einer der zahlreichen Widersprüche des ganzen Theaters rund um das Komitee. Auch ich habe mich der Hysterie um dieses Büchlein angeschlossen, es gelesen und meine eigene Rezeption verfasst. Auch beobachte ich was andere BloggerInnen und KommentatorInnen dazu zu sagen haben und sammle diese Beiträge in einer kommentierten Liste. Ich stehe diesem Buch äußerst kritisch gegenüber, bin aber natürlich, wie viele andere auch, von einer gewissen Faszination ergriffen und denke dass dieses Buch rational kritisiert werden muss. Diese ernsthafte Auseinandersetzung und Kritik mit dem Büchlein geschieht in den deutschen Feuilletons, die dieses Buch seit einiger Zeit für sich als neues Lieblingsobjekt entdeckt haben, leider nur allzu selten, und eine Intervention in diese Debatte ist durchaus wichtig, allerdings nicht mit einem durch und durch ihr-könnt-mein-buch-nicht-leiden-deswegen-mag-ich-euch-auch-nicht Gestus. In Frankreich sind die angeblichen VerfasserInnen dieses Büchleins bis zu 6 Monate ohne Prozess in Untersuchungshaft gesessen, zweifelsohne eine repressive Überreaktion eines hilflosen Staates – der dieses Buch als terroristische Gefahr sieht und damit die beste Werbekampagne überhaupt eröffnet hat – eine Überreaktion also, die auch in Österreich und anderen Ländern immer öfter angewendet wird. Im deutschsprachigen Raum wird dieses Buch nicht als Terrorismusgefahr für den Staat interpretiert, sondern eher als neuer Shootingstar der linken Theorie. Der ersten Euphoriewelle folgte dann allerdings auch bald sanfte und teilweise sogar fundierte Kritik, und dann kam noch der – nicht mal ganz so abwegige – Gedanke ins Spiel, dass durchaus in manchen Ideen im Kommenden Aufstand auch Ähnlichkeiten zu rechtem Gedankengut zu finden sind. Das dürfte nun dem unsichtbaren Komitee endgültig zu viel geworden sein, darauf musste es in gewohnt undurchsichtiger Art antworten.

In Frankreich wurden sie verfolgt, zu Staatsfeinden erklärt und in Deutschland werden sie auf den Kulturseiten diskutiert, dass kränkt natürlich das Kommunenego, dass doch vom System als Feind erkannt und ernannt werden möchte. Daher wird der Feuilletons-Kommentar-Dschungel auch gleich als Diskurs bezeichnet, und in diesem „Diskurs“ haben eben sowieso nur die gesprochen, die vom System dazu ermächtigt wurden. Allerdings wurde das Thema selbst immerhin vom Komitee vorgelegt, dass die Kommentare inhaltlich großteils keine Qualität hatten weißt diese Debatte wohl auch als Nicht-Diskurs aus, die Machtverteilung in solchen Debatten ist aber natürlich eine herrschende systemkonforme. Der Vorwurf „weil sie ihre Stimme als profitable Ware haben platzieren können“ in Bezug auf die, die mitreden dürfen, ist allerdings wohl auch dem Komitee zu machen, immerhin verkaufen sich die Exemplare des Büchleins hervorragend. Was stört nun das Komitee konkret an dem vermeintlichen „Diskurs“ rund um ihr Büchlein? Es geht darum, dass anders als in Frankreich, in Deutschland begriffen wurde dass diesem Buch nicht durch repressive Haft – welche gegenteiligen Effekt hat – sondern durch Kritik entgegenzukommen ist. Diese Kritik ist eben nicht vollkommen positiv ausgefallen – größtenteils aber sowieso positiver als erwartet und verdient – und daher spricht das Komitee von dem Versuch die „Wahrheiten“ ihres Büchleins zu de-legitimieren. Der Schlüsselabsatz dieser Antwort des Komitees sei hier zitiert:

Die äußerste Form der Repression des Gedankens ist nicht die Vernichtung des menschlichen Körpers, der ihn äußert, sondern der Anschlag auf den Gedanken selbst. Die effektivste Form des Anschlags: seine De-Legitimierung. Man müsste eine Geschichte schreiben über die vielen Spielarten und Techniken dieser De-Legitimierung, die erst das »aufgeklärte Zeitalter« hervorgebracht hat. Leere Signifikanten wie »reaktionär« und »anti-modern« zählen in der aktuellen diskursiven Verfasstheit der westeuropäischen Länder zu den wirksamsten Werkzeugen, mit denen sich die »Debatte« abweichende Ansätze vom Hals hält. Eine Herrschaft, die solche Feinde hat, ist heute unverdächtig und total. Eine geschützte Herrschaft. »Wir sind anti-modern – man braucht sich nicht mehr um uns zu kümmern. Legt den Fall zu den Akten«, liest man zwischen unseren Zeilen. Wir erwidern nichts. Kein Argument. Beschreibt uns, wie Ihr wollt. Verwaltet weiter, igelt Euch ein, verschweigt die Irritationen. Wir erlauben uns eine weitere Vulgarität: Wir scheißen darauf. Die Distanz zur Straße wird Euch irgendwann einholen.

Hieraus kann man deutlich lesen, dass das Komitee beleidigt ist. Sie sind als antimodern und reaktionär bezeichnet worden und deswegen „scheißen“ sie jetzt darauf. Werfen den anderen Distanz zur Straße vor, sprechen selbst jedoch in einer Sprache die ganz gezielt „die Straße“ ausschließt, weil sich das Komitee in pseudointellektuellen Sätzen im akademischen Sumpf suhlt, dagegen habe ich prinzipiell nichts, manche Gedanken müssen kompliziert formuliert sein, aber dann darf man nicht die Nähe zur Straße für sich beanspruchen sondern muss sich seiner eigenen Widersprüche bewusst sein. Auch zu formulieren „Wir erwidern nichts. Kein Argument“ und diesen Satz in ein Erwiderungsschreiben an die deutsche Debatte einzugliedern, wo man selbst weiter oben noch von intervenieren geschrieben hat, zeigt die Vielzahl der Widersprüche in denen das Komitee agiert. Später versuchen sie dann natürlich schon mit Argumenten gegen die Kritik zu debattieren, dies gelingt in meinen Augen jedoch weitestgehend unzureichend.

„Gesellschaft heißt gerade, dass er [der Mensch] nicht bei sich ist.“ Dieser zum Solipsismus neigende Satz zeigt, dass es dem unsichtbaren Komitee darum geht unter sich zu bleiben, in der Kommune, denn dort muss man sich nicht verteidigen, muss nicht auf die Kritik Antwort geben muss nicht die eigenen Thesen begründen, sondern kann sagen, alle anderen werden es schon sehen, die Geschichte wird beweisen dass wir recht haben. So eine Haltung ist in der politischen Theorie nicht wirklich produktiv und zielführend und beleidigte Antworten auf Kritik sind es erst recht nicht.

 

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2 Antworten zu Das beleidigte Komitee

  1. Pingback: zur Rezeption des „kommenden Aufstandes“ | Rhizomorph's Blog

  2. schoenswetter schreibt:

    Vielen lieben Dank für dieses überaus kluge Kommentar. Die Antwort (ich habe sie über Deinen identi.ca – Stream gefunden) hat mich maßlos geärgert. Aber Du hast es so schön formuliert, dass ich dem gar nicht mehr viel hinzufügen muss.

    Es ärgert mich gar nicht so sehr WAS in dem Text steht, sondern vielmehr WIE es im Text steht. Verweigerung der Diskussion ist immer ein Warnzeichen und spiegelt gerade keine hehren Ideale wider. Das schöne am Anarchismus ist die Negation des Absoluten. Mich erinnert die Diktion des Kommitees sehr an die Vision der „Öko-Diktatur“ oder dem „Tahiti-Virus“. [PDF: http://goo.gl/6UhJo%5D Schaun wir, dass wir das Abwenden können, solange es noch geht. Ich bin eh skeptisch.

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