Alle Macht den Kommunen?… oder wieso der Aufstand nur im Kommen bleiben wird

„Ein Text geht um in Europa“ schrieb Alex Rühle in einem sowohl stilistisch als auch inhaltlich auf den Punkt gebrachten Artikel über „Das kommunale Manifest“ wie es Rühle bezeichnet, über den Text, der sich im Moment wie ein Lauffeuer in bestimmten Kreisen verbreitet, über „Der kommende Aufstand“. Dieser Text, der von einem anonymen Kollektiv, das sich als „unsichtbares Komitee“ bezeichnet, verfasst wurde und nun seit einiger Zeit in einer hervorragenden deutschen Übersetzung vorliegt wurde in der letzten Zeit viel herumgereicht. So habe auch ich voller Erwartung dieses Büchlein gelesen und frage mich nun warum dieser Text so gehypt wurde. Interessant auch die Überlegungen in der Süddeutschen Zeitung vom Donnerstag den 25. November (S. 11), die darauf hinweisen, dass unzählige Motive von rechten und konservativen Denkern in diesem Text gefunden werden können (Heidegger, Jünger, Schmitt). Auch das zeigt die Absurdität dieses Textes und seiner Rezeption.

Selbstverständlich haben wir es hier mit einem stilistisch ausgezeichneten Text zu tun, der mich und viele andere auch mit seiner poetischen Sprache in den Bann gezogen hat. Selbstverständlich wirft dieser Text viele wichtige Fragen auf und legt den Finger auf die wunden Stellen der momentanen Gesellschaft. Selbstverständlich existiert im Moment ein Vakuum an theoretischen Texten und jeder linkstheoretische Text wird daher sofort aufgesogen. Selbstverständlich kann ein Text mit knappen 100 Seiten nicht die Antworten auf alle momentanen Probleme geben und gleichzeitig auch noch die perfekten Handlungsanweisungen liefern. Selbstverständlich sollten so viele wie möglich diesen Text lesen und darüber schreiben und diskutieren. Und selbstverständlich sollte dieser Text als das gesehen werden was er ist, nichts weiter als ein politisch unnützes Kuriosum.

Aus diesem Text trieft die Naivität des „unsichtbaren Komitees“ heraus, die anhand von wenigen mehr als fragwürdigen Beispielen die Macht und Stärke der autonomen und spontanen Kommunen heraufbeschwören wollen. Doch womit beginnt dieser Text? Die ersten 70 Seiten werden einer Gesellschaftsanalyse gewidmet, die in sieben Kreise (angelehnt an Dantes Höllenvorstellung) aufgeteilt ist. Der 1. Kreis beschriebt die Entwicklung hin zu den Ich AGs zu dem Credo „I am waht I am“ und kaut selbstverständlich ohne zu zitieren (denn dies hat das unsichtbare Komitee anscheinend nicht notwendig) viele altbekannte Punkte der poststrukturalistischen Theorie (fragmentierte und hybride Identitäten, etc.) durch. Im 2. Kreis wird die Schule als Disziplinierungsort (auch das kommt uns allen reichlich bekannt vor Foucault und Althusser lassen grüßen) und die ‚moderne‘ Partnerschaft als bürgerliche Institution beschrieben. Im 3. Kreis geht es um die Problematik der Erwerbsarbeit in einem kapitalistischen System. Der 4. Kreis beschäftigt sich mit dem Begriff der „Metropole“ und entwickelt reichlich eigenartige Vorstellungen der Urbanität, denen ein naiv idyllisches Bild der Peripherie und der ländlichen ursprünglichen Gemeinschaften entgegengesetzt wird. Der Mensch in der Metroploe wird als „entwurzelt“ bezeichnet (ein Begriff den auch Deleuze schon verwendete allerdings in positivem Zusammenhang), was anscheinend für das unsichtbare Komitee schlecht zu sein scheint, und die Vorstellung von verwurzelten Menschen in Kommunen wird entwickelt. Für jeden der Österreich abseits von Wien und Graz kennt, ist diese vermeintliche Verwurzeltheit der Menschen am Land wohl eher ein abschreckender Begriff als eine erstrebenswerte Situation. Weiters beschreibt das Komitee hier die wunden Punkte der Metropolen, jedoch ist auch hier wenig Neues zu finden, denn das die Struktur des kapitalistischen Systems im Moment eine Netzwerkartige ist, und daher die wunden Punkte die Knotenpunkte sind, ist nicht wirklich eine Neuigkeit. Im 5. Kreis wird die Wirtschaft behandelt, die sich natürlich nicht in der Krise befindet, sondern „Die Wirtschaft ist die Krise“, auch das in aller seiner Richtigkeit entbehrt an Kreativität. Der 6. Kreis ist der Umweltpolitik gewidmet, wo durchaus richtig analysiert wird, das die momentanen Umweltpolitiken dazu dienen den Kapitalismus in einen „green capitalism“ umzuwandeln, der aber im Kern dieselbe Ausbeutungsmaschinerie bleibt. Auch das kein allzu neuer Punkt, besonders problematisch sind dann jedoch die untergriffigen Angriffe auf UmweltaktivistInnen, die jeder fundamentierten Kritik entbehren und durchwegs lächerlich erscheinen. Im 7. Kreis werden nochmal die verschiedensten Punkte zusammengemischt.

So weit ist dieses Buch eine nette Gesellschaftsanalyse, die viele Punkte aufzeigt und an richtiger Stelle kritisiert, die jedoch auch einige äußerst problematische Punkte aufbringt (idealisierung des ländlichen Lebens, typische Zentrum – Peripherie Stellung reproduziert, etc.) und die in keinem Fall etwas Neues bringt, sondern eine Unzahl an philosophischen und politischen Kritiken zusammenmixt ohne auch nur einen Einfluss zu zitieren. Die restlichen Seiten widmen sich nun dem politischen Programm des Komitees und dieses ist so simpel, dass es in 4 Wörtern beschrieben werden kann: „Alle Macht den Kommunen!“.

Der Text wurde 2007 unter dem Eindruck der Aufstände in den Banlieue’s in 2005 geschrieben. Wie oben bereits erwähnt erkennt der Text die netzstruktur des momentanen Systems und ruft zum Angriff auf die Knotenpunkte auf. Erster Schritt sind jedoch die Kommunen, die idealisierte Form des Zusammenlebens. Mehrere Menschen schließen sich zusammen, erschleichen sich Sozialleistungen vom Staat (ganz hilfreicher Vorschlag hier: fiktive Kinder beim Sozialamt angeben um Kindergeld zu bekommen, wirklich ein ausgeklügelter Plan) oder besorgen Geld auf andere Art und Weise, bilden autonome Strukturen (wie z.B. Gärten zur Selbstversorgung), bieten die Möglichkeit eines ständigen Austausches zwischen allen Kommunen an und bewaffnen sich, um die Waffen doch nur ab und zu oder auch nicht einzusetzen, denn genau an diesen Stellen wird der Text noch schwammiger als er sowieso schon ist. Dann sollen Knotenpunkte ausgeschaltet werden (Elektrizitätswerke, etc.) um dann in dem entstehenden Chaos die Struktur der Kommunen durchzusetzen. Als Beispiel dass dies funktionieren könnte, wird New Orleans nach dem Hurricane Katrina genannt, wo sich ohne Regierungshilfe autonome Strukturen (Krankenhäuser, etc.) gebildet haben, wo aber eigentlich und dies wird in einem Nebensatz zur Seite geschoben, vor allem Plünderungen und rassistische Übergriffe stattgefunden haben und die idyllische Kommunenlandschaft wie sie hier beschrieben wird anscheinend nur in den Köpfen von französischen Intellektuellen existiert hat.

Es soll also Chaos erzeugt werden, damit dann die Kommunen wie der Phönix aus der Asche emporsteigen können und eine neue Welt(ordnung) erzeugen können. Die AutorInnen (sollte es sich überhaupt um mehrere Personen handeln) sind französische Intellektuelle, die sich klar auf den Pariser Philosophieinstituten geschult haben (hierzu näheres in dem am Beginn erwähnten Artikel), dies sieht man an den unzähligen Punkten die sie von den verschiedensten PhilosophInnen übernommen haben. Das Komitee hat also im Rahmen ihrer politischen Aktivitäten die naive Wahnvorstellung entwickelt, dass durch das Gründen von Kommunen relativ schnell das kapitalistische System gestürtzt werden könnte.

Warum ist dieser Text, der zweifelslos nett zu lesen ist, aber so viel politische Durchschlagskraft wie ein Rosemunde Pilcher-Roman besitzt, nun so viel diskutiert worden und wird nach wie vor überall so positiv aufgenommen? Die Linke und die autonomen Kräfte haben im Moment schlicht und einfach ein theoretisches Vakuum, da die letzten Theorien auf die sich bestimmte Kräfte berufen können ungefähr 50 Jahre alt sind und keinerlei Aktualität mehr aufweisen, daher wird jeder Text der auch nur ansatzweise ein neues politisches Manifest darstellen könnte sofort aufgesaugt und idealisiert. Dieser Text ist es leider allerdings nicht wert als ein neues Manifest behandelt zu werden, auch wenn er durchaus lesenswert ist.

Die unglaubliche blauäugige Naivität die hinter diesem Text und seiner Vorstellung von Kommunen steht, wird nicht dafür sorgen dass ein Aufstand kommt, sondern lediglich, dass dieser Aufstand für immer im Kommen bleiben wird.

Hier der Link zu der ausgezeichneten deutschen Übersetzung (am Ende der Seite kann der Text auch als PDF heruntergeladen werden).

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5 Antworten zu Alle Macht den Kommunen?… oder wieso der Aufstand nur im Kommen bleiben wird

  1. Pingback: zur Rezeption des „kommenden Aufstandes“ | Rhizomorph's Blog

  2. Pingback: Das beleidigte Komitee | Rhizomorph's Blog

  3. blogwesen schreibt:

    Stimme dir vollkommen in der Analyse zu,aber vielleicht sollte Mal irgendjemand beginnen dieses Vakuum zu füllen…Das Schöne ist doch: Linke haben abend füllende Debatten OHNE auch nur zu einem einzigen Ergebnis zu kommen .Wo wäre denn ein neuer tragfähiger gesellschaftlicher Ansatz, der eben eine ‚wirkliche Demokratie, soziale Gerechtigkeit‘ etc. schaffen könnte…??

  4. manuel schreibt:

    Kann mich dem obigen nur anschließen. Ich sehe auch eine Planlosigkeit die ein konstruktives (r)evolutionieren verhindert, weil die Existenzangst dann doch zu groß ist um sich auf einen Weg ohne zumindest grobe Zieldefinition zu machen. Und dann kam der nette Herr Heinrichs und füllt das theoretische Vakuum von dem zurecht die Rede ist.
    Wer also auf der Suche nach einem Manifest ist (zwar kein linkes, aber doch viel interessanter aus der demokratischen Mitte), dem kann ich nur ans Herz legen:
    – Revolution der Demokratie (Johannes Heinrichs) zu lesen
    – sich noch ein wenig zu gedulden bis leichter verdauliche Informationen über die Viergliederung des sozialen Organismus vorhanden sind ^^ (bin fleißig am Exzerpieren ;))

    2011 ist’s endlich so weit

  5. Charles D. schreibt:

    @ rizomorp: grossartige Analyse des textes.
    Erstens, ich möchte noch hinzufügen, dass diese Insurektionalisten eigentlich sozialdarwinisten sind…
    Zweitens möchte ich anbringen das sich die Insu’s mit der Struktur das Falsche Feindbild gesucht haben, denn es ist was den Menschen zum Menschen macht,
    meiner Meinung nach sollten wir uns eher um einen Paradigmenwechsel bemühen,
    weg vom Profit hin zum Leben, zur Freude, zur Lust, zum Glück, zum Frieden… wie auch immer.

    Und zweitens dürfen wir dieses Vakuum nicht mit EINER Ideologie füllen,
    sondern müssen Anfangen den öffentlichen Diskurs aus seiner starre zu befreien!
    Die Menschen müssen sich als Menschen begegnen und nicht als Geschäftspartner,
    wie es die fortschreitende Isolierung (Ich-AG) des Neoliberalismus bedingt.

    Es Lebe der Pluralismus!

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