Paraflows Symposium … eine Bestandsaufnahme

Paraflows 2010 findet heuer zwischen dem 9.9. und dem 10.10 in Wien unter dem Motto „Mind and Matter“ statt. Neben einer Ausstellung im Künstlerhaus gibt es auch wieder ein Symposium zwischen dem 10. und 12. September im MQ und von eben jenem möchte ich ein wenig berichten.

10. September

Heute hat das Symposium begonnen, wie es sich natürlich auch für eine Veranstaltung, die sich mit dem Thema der Digital Art beschäftigt, gehört – besonders im Technik Panel, das für den heutigen Ta veranschlagt war – fing die Vortragsreihe mit ca. 30 Min. Verspätung an, natürlich auf Grund von, wie könnte es die Ironie der Sache auch anders wollen, technischen Problemen (immer diese verfluchten Beamer).

Den heutigen Tag eröffnete Lin Hsin Hsin, digital artist, und gab eine strukturiert und doch leicht konfuse Einführung in ihr umfangreiches Schaffen, das annähernd alle Sparten der digitalen Kunst umfasst. In ihrer Arbeit versucht sie das meiste so basic wie möglich zu halten, vor allem bezogen auf die technischen Mittel mit denen sie arbeitet, was jedoch die Varietät ihrer Arbeiten keinesfalls beschränkt.

Danach gab es ein offenes Gespräch mit Heather Kelley, die ebenfalls in den verschiedensten Bereichen tätig ist, jedoch hauptsächlich über ihre Rolle als Frau in der Computerspielentwicklerwelt und ihre feministischen Bestrebungen berichtete. Sehr empfehlenswert sind aber auch ihre künstlerischen Arbeiten, besonder die beiden, die sie näher ausführte. Da haben wir einmal Lapis: einen Hasen der befriedigt werden will/muss um den Spieler in einem 360 Grad environment in den siebenten Himmel zu katapultieren und dann haben wir Fabulous: einen Ball den man ganz toll drücken muss, wenn man die richtige Position erreicht hat (nicht aber wie die Installation in der Kunsthalle selbst schmerzlich erfahren musste zu hart drücken) um Sterne erscheinen zu lassen und interaktive Geschichten zu erzählen. Beide Projekte sind hier nur grob und unzureichend zusammengefasst aber für nähere Infos habe ich auch auf Erklärungsvideos verlinkt.

Nach einer kurzen Pause erläuterte Kyle Machulis seine neuesten Gedanken, Ideen und Entwicklungen rund um den Wahn, dass der eigene Körper der Controller für Spiele sein sollte. Aufgeregtheit oder Ruhe gemessen an Hirnwellen, der eigene Puls, usw. sollen also nicht nur als Steuerungsinstrumente fungieren, sondern wie in dem vorgestellten Spiel mit dem bezeichnenden Namen Pulse auch aktiv das Spiel, die Spieleumgebeung, wenn man so will auch das Level und den Schwierigkeitsgrad selbst beeinflussen bzw. überhaupt erst kreieren. Machulis arbeitet auf den verschiedensten abgefahrenen Gebieten und scheint daher der Richtige zu sein, die Spielewelt durch alternative Controller, ergo unseren eigenen Körper, zu bereichern.

Den Abschluss bildetet Johannes Grenzfurthner, der auch gleichzeitig als Gastgeber und Diskussionsleiter dieses Symposiums fungiert. Er erzählte uns in gewohnt enzyclopädisch-ironischer Art von dem Besingen des Computers in der Schlager-, Volks- und Unterhaltungsmusik der letzten Jahrzehnte. Hier reicht der Bogen von naiver Computer-, ergo Technikkritik, exemplarisch kann man hier vielleicht Georg Danzer und seinen Song „Zerschlagt die Computer“ nennen, bis hin zu Technik als Liebesvermittler bei France Gall „Computer Nummer 3“. Zum Unterschied zwischen Mensch und Computer war damals natürlich wie auch heute die Liebe herangezogen worden, so z.B. bei den Moonbillies „Electronic Brain“. Kritik in anderer Form übten dann die New Wave und Punk Ära, z.B. Der Plan „Gummitwist“. Dazwischen überrascht Grenzfurthner mit unglaublichen strangen aber hörenswerten Stücken aus den verschiedensten Genres, besonders sei auf die bizarre Musik von Bruce Haack „Program me“ hingewiesen. Der Bogen geht dann über bekannte Bands wie Kraftwerk hin zu der heutigen Auseinandersetzung mit Computer in Lyrics, und siehe da, sie sind nicht mehr, oder nur noch selten, die großen Feinde des Menschen die zerschlagen werden müssen, sondern viel eher zu alltäglichen Gegenständen geworden, die auch wie andere alltägliche Dinge besungen werden. Neben dem faszinierenden Text muss hier alleine schon wegen der musikalischen Qualität Kimya Dawson „Anthrax“ erwähnt werden. (Eine vollständige Liederliste und genauere Infos finden sich hier). Die gesamte Präsentation der Lieder ist natürlich auch in einen faszinierenden und gut fundierten theoretischen Konstrukt arrangiert, das uns helfen soll, den subversiven Wert in einer Gesellschaft die Suversion als Mainstream verkauft, ergo ad absurdum führt, vielleicht doch zu finden oder selbst zu kreieren.

Fazit: Ein abwechslungsreich gestalteter Nachmittag, der mehr Freude auf die restlichen 2 Tage Symposium macht, von denen ich natürlich auch berichten werde, und der dank freien Getränken und familiärer Stimmung auch die einen oder anderen Längen der Vortragsreihe überwindet.

So kann man nur mit einem meiner Lieblingslieder rund um Computer in Lyrics enden (für heute), nach dem Symposium fühle ich mich hierin auch nur umso bestärkter, also lasst uns ein Computer sein, muss ja wirklich ganz nett sein … manchmal …

11. September

Heute stand das Thema des Archives im Zentrum. Leider musste Nina Wenhart, die über „Word Magic“ sprechen wollte absagen, und so gab es nur drei Vorträge am heutigen Tag. Die eingesparte Zeit wurde aber natürlich durch ausführliche Diskussionen kompensiert.

Das Podium wurde von Jana Herwig, in Blog und Twitterkreisen auch besser bekannt als digiom, eröffnet mit einem äußerst interessanten Vortrag über die Plattform 4chan – genauer Titel: The archive versus/as the repertoire. Begonnen wurde mit theoretischen Erläuterungen der beiden Begriffe archive und repertoire unter anderem auf Diana Taylors „The archive and the repertoire“ gestützt. Auf dieser theoretischen Grundlage aufbauend gab es dann erste einführende Einblicke in die Plattform 4chan und deren hybriden Rolle zwischen archive und repertoire. Ein runder Vortrag, der mit Sicherheit als eines der Highlights so far dieses Symposiums gelten kann.

Darauf versuchte Herbert Hrachovec uns mit verschiedensten psychologischen Spielchen/Tricks, Neurobiologischen Einzelheiten und Kurt Kren Filmausschnitten zu verwirren, was ihm bei mir auch recht gut gelungen ist. Interessant waren seine Ausführungen zu Spinoza, der wohl bei einem Symposium das sich dem Thema von „Mind and matter“ widmet einer der zentralen Philosophen sein muss. Die Ausführungen waren jedoch kurz und oberflächlich, und wurden dann von einem der vielen twist und turns in diesem etwas konfusen Vortrag durch eine unendlich lang dauernde Detailanalyse eines Fussballspiels, dessen theoretische Enbindung in den Vortrag ich nur am Rande verstanden habe und nicht im Stande bin wiederzugeben, abgelöst. Ein detailreicher aber etwas konfuser Vortrag in den ich nicht wirklich einsteigen konnte, leider.

Den heutigen Tag, zumindest was die Vorträge angeht, schloss Christian Heller, der Twitterwelt auch als plomlompom bekannt. Er sprach über „Killing (the power of) time“. Sein Bestreben war und ist die Archivierung des Menschen, sogar die Kurzweil’sche Anmutung sich selbst upzuloaden. An seiner eigenen Archivierung arbeitet Heller schon seit einiger Zeit, schließlich kann jeder sein Leben über ein eigenes Wiki mitverfolgen und mitgestalten. Plomlompom durchforstete die verschiedensten Möglichkeiten und Unmöglichkeiten des archivierens und eröffnete die eine oder andere futuristisch anmutende Möglichkeit des menschlichen Archivs (Menschenarchiv). Ein humorvoller und interessanter Vortrag, der neben den verschiedensten Gedankenanregungen bei vor allem dazu führen wird plomlompom’s wiki weiterhin zu beobachten, ein Tagesablauf der 12:55 beginnt und 6:00 aufhört erinnert mich schließlich an meinen eigenen und ist mir daher äußerst sympathisch.

Ein interessanter Tag, mit lebhaften Diskussionen, der – leider ohne meiner Wenigkeit – in einem Filmabend (Robert Wienes „Orlacs Hände“) mit Live-Dj geendet hat.

12. September

Am heutigen Tag des Symposiums stand das Thema „Network“ im Vordergrund, und auch wenn nicht jeder Vortrag diesem speziellen Thema gerecht wurde war es ein weiterer äußerst erbauender Tag sowohl für Mind als auch für Matter.

Begonnen hat die heutige Vortragsreihe Mela Mikes die verschiedenste sehr interessante Dinge angesprochen hat. Ihr hauptsächlich sehr theoretischer Vortrag kreiste rund um die zentrale Frage „Where is the Cyborg Manifesto of the Web 2.0“ und diese Frage ist auch wirklich sehr bedenkenswert und wird auch in meine zukünftigen theoretischen Überlegungen miteinfließen. Über Haraways Cyborgtheorie, zu Rancieres „emancipated spectator“ bis hin zu Foucault und (Un fantastique de bibliotheque“) erstreckten sich die Referenzen Mikes und wurden zu interessanten Verbindungen verknüpft, jedoch freue ich mich schon auf die Aufnahme dieses Vortrags, bzw. auf den Text, da ich doch einiges nochmal genauer nachlesen/hören muss. Einer der theoretischsten Vorträge, der edoch gerade deswegen einige wichtige Punkte in die Paraflows Diskussion miteinbrachte.

Dann berichtete uns Jane Tingley von ihren verschiedensten künstlerischen Projekten, von denen auch etwas in der paraflows Ausstellung im Künstlerhaus zu bestaunen ist. Wie man auf ihrem Vimeokanal begutachten kann, arbeitet Tingley mit der Verschmelzung von Pflanzen und Technik (Plant ipod installation), erzeugt also Cyborgplants, die durchaus zum Nachdenken anregen und zu Irritationen führen können/sollen. Plomlompom twitterte während des Vortrags aufjedenfall positiv eingeschüchtert: „Cyborg-prosthetisierte Bäume und entkörperte Münder, erbaulich scary! #paraflows“. Die Kunst verfehlt ihre Wirkung also nicht.

Adam Flynn berichtete uns dann sehr ausführlich über seine long-distance relationship mit Sarah Outhwaite, die per Skype Videokonferenz diesen Vortrag komoderierte. Die beiden wiesen auf die verschiedensten Möglichkeiten der Kommunikation, Intimität, etc hin, die heutzutage einem Pärchen zur Verfügung stehen, erzählten eine Fülle von Anekdoten aus ihrem reichen Erfahrungsschatz einer Beziehung quer durch Raum und Zeit (12 Stunden Zeitverschiebung) und schienen sich zu oft in diesen ihren durchaus unterhaltsamen Anekdoten zu verlaufen, was den Vortrag relativ lang und teilweise schwerfällig machte. Nichtsdestotrotz ein interessanter Lokalaugenschein aus dem Repertoire (oder Archiv?) einer long-distance relationship, der auch durch einen historischen Überblick über die wachsenden technischen Möglichkeiten und Unmöglichkeiten  der Partnerkommunikation Auskunft gab.

Der Tag und somit auch leider das Symposium wurde von Dmytri Kleiner beschlossen, der über „P2P communism vs the client-server state“ redete. In einer atemberaubenden Geschwindigkeit entfaltete Dmytri sein unglaublich komplexes und interessantes theoretisches aber auch teilweise praktisches Konzept des „venture communism„, das er vor allem durch seine Plattform „Telekommunismus“ vorantreibt. Auch wenn ich nach einem kurzen persönlichen Gespräch etwas mehr in die Materie seines Konzeptes vorgedrungen bin, hat es sich mir leider dennoch noch nicht ganz erschlossen, aber ich werde weiter dran bleiben, da hier ein – und dessen bin ich sicher – revolutionäres (und dies vielleicht/hoffentlich auf allen Ebenen) Konzept präsentiert wurde. Morgen am Mo. den 13. September wird sich noch einmal die Gelegenheit auf ein Gespräch mit Kleiner ergeben im Metalab bei der Diskussion über „What’s Left over“ ab 20:00, auf jeden Fall Empfehlung!! Kleiner bildete auf jeden Fall einen gebührenden Abschluss dieses Symposiums.

Das Symposium war vielfältig und bunt gestaltet, mit Vorträgen aus den verschiedensten Bereichen, Diskussionen rund um die verschiedensten Themen und doch dem gewissen roten Faden, der dieses Symposium, neben den exzellenten Einzelvorträgen, auch als Gesamtkonzept interessant machte. Die familiäre Stimmung dieser unglaublich netten Runde von ZuhörerInnen und Vortragenden und natürlich der gratis KAFFEE, der mich durch diese drei Tage getragen hat, machten dieses Symposium zu einer netten und wertvollen Erfahrung, die Freude und Lust aufs nächste Jahr macht, bzw. auf die restlichen Veranstaltungen von Paraflows.

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2 Antworten zu Paraflows Symposium … eine Bestandsaufnahme

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