Christoph Schlingensief DER Künstler

Ein ganz persönlicher Nachruf auf einen der besten und wichtigsten Theatermacher, den das deutschsprachige Theater jemals kannte…

NEIN, ich bin kein Opernfan, und JA, die Ready Made Oper ‚Mea Culpa‘ hatte ihre Längen und war anstrengend. JA, das Opernhaus in Afrika hat nicht nur einen kolonialistischen Touch sondern ist tatsächlich eine kolonialistische Aktion, JA, Christoph Schlingensief hatte natürlich auch einige Schattenseiten. Und JA, Christoph Schlingensief war ein Ausnahmekünstler wie in die Kunstwelt so schnell nicht mehr haben wird. JA, Ich und unzählige Andere trauern um einen der wichtigsten Theater- und Kunstmacher der letzten Zeit.

Es war leider keine allzugroße Überraschung als ich am Samstag den 21. August erfahren musste, dass Christoph Schlingensief nach einem langen Kampf doch dem Lungenkrebs erlegen ist, aber es war dafür ein umso größerer Schock. Wir alle konnten sein Sterben, sein Leiden hautnah miterleben, trotz der schweren Krankheit, ja wahrscheinlich gerade wegen der Krankheit war er produktiver als jemals zuvor. Ich hatte ihn und seine künstlerischen Aktionen schon lange verfolgt, aber erst letztes Jahr hatte ich die Gelegenheit endlich eines seiner besten Werke und ihn in persona live im Burgtheater zu erleben. ‚Mea Culpa‘ eine so genannte Ready Made Oper, war das erste und wie sich nun herausstellt wohl wahrscheinlich auch das letzte Theaterstück welches ich von und mit  ihm (er absolvierte einen bewegenden Zwischenauftritt) selbst bestaunen durfte. Ja, es ist eine Kluft, die der Tod dieses hervorragenden Theatermachers hinterlässt, eine Kluft die schwer bis gar nicht zu füllen sein wird. eine Kluft die sich vor allem in der Theaterwelt auftut, aber nicht nur dort. Schlingensief war ebenso Filmemacher, Autor und Aktionskünstler und er war vor allem stets ein politischer Aktivist. Er arbeitete nicht mit dem erhobenen Zeigefinger, sondern stets mit einem ironisch, eigentlich zynischen Persiflieren der politischen Nation. Er beherrschte es perfekt, einer politischen Gesellschaft den Spiegel entgegenzuhalten, denn nicht durch Ermahnen sondern durch Selbsterkennen in der Übertreibung ist eine Veränderung möglich. Nicht auf der Seite einer bestimmten politischen Ideologie konnte er dadurch nicht nur der einen Seite sondern auch den anderen das ironisch überhöhte Spiegelbild entgegen halten und beide Seiten gleichermaßen vor den Kopf stoßen, man bedenke nur den „Ausländer raus“ Container, und die leidige Diskussion drum herum.

Christoph Schliengensief war eben Mehr. Er war mehr als das ‚enfant terrible‘ als welches er so oft, leider bis heute, von bestimmten Kräften abgetan wird. Seine Aktionen waren schon lange sehr viel mehr als bloße Provokation, falls sie das überhaupt jemals gewesen sein sollten. Er war mehr als ein politischer Künstler. Er war mehr als ein Theatermacher, er war in den verschiedensten Genres tätig und erfolgreich, und sorgte auch stets dafür, die Genregrenzen selbst zu verschieben, zu vermischen und überhaupt in Frage zu stellen. Er war mehr als ein bloßer Regisseur, ‚er war alles‘ wie Elfriede Jelinek in einem kurzen ersten sehr berührenden Nachruf schreibt, und schließlich nur einen Satz zur Beschreibung dieses Ausnahmekünstlers findet, einen Satz der das leider viel zu kurze Leben Schliengensiefs auf den Punkt zu bringen scheint: „Er war DER Künstler schlechthin.“… und dies haben sogar seine Feinde zugestehen müssen.

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